Antifaforum: „Die Macht des Diyanet?“

Werner Retzl, Vorsitzender der Welser Initiative gegen Faschismus, befragte Thomas Rammerstorfer und mich zu unserem Buch „Die Macht des Diyanet“. Erschienen ist das Interview im Antifa-Forum 2020. 

  1. Was ist das Diyanet?

Marina: Das ist das „Präsidium für religiöse Angelegenheiten“ in der Türkei. Oder besser gesagt: aus der Türkei, denn mittlerweile ist Diyanet fast weltweit aktiv und eine der größten religiösen Institutionen überhaupt. In Österreich gehört der Moscheeverband ATIB dazu, in Deutschland DITIB.

  1. Welchen Einfluss hat er auf das gesellschaftliche Leben in der Türkei?

Tom: Einen überragenden. Das ist heute eine der wesentlichen Stützen der rechten Koalition von Erdogan. Man verfügt über 100 000 MitarbeiterInnen, über 80 000 Moscheen, eigene Fernsehsender, Zeitungen, Verlage.

Marina: Wesentlich ist die religiöse Erziehung in den Schulen, die von Diyanet kontrolliert wird, auch die Koranübersetzungen. Und man steht bei den militärischen Abenteuern der Türkei an vorderster Front und segnet diese ab.

  1. Inwieweit reicht dieser Einfluss bis nach Österreich? Weshalb sollte er uns interessieren?

Marina: Bis vor wenigen Jahren standen Diyanet und sein österreichischer Ableger ATIB eher für einen gemäßigten, säkularen Islam. Unter Erdogan hat sich das geändert, es geht in eine rechts-konservative, parteipolitische Richtung, man macht Propaganda für den Kurs der AKP. In Österreich gibt es ein AKP-Netzwerk, da sind die 60 ATIB-Moscheen ein Teil davon, aber auch Think Tanks, Parteiorganisationen, die Konsulate, der Geheimdienst, Firmen…

Es gibt Berichte über Kriegspropaganda in einzelnen Moscheen, wie der Skandal um die „Kriegsspiele“ 2018, und die Aufforderung zur Denunziation von RegimekritikerInnen. Wenn diese wieder in die Türkei reisen, z. B. um Urlaub oder Besuche zu machen, klicken dann öfters die Handschellen.

Tom: Man muss aber auch grundsätzlich dazusagen: Nicht alle Teile von ATIB oder DITIB nehmen diesen Kurs hin. Da gibt es massive Konflikte. Und bei weitem nicht alle, die in so eine Moschee gehen, sind jetzt Erdogan-AnhängerInnen. Viele wollen einfach nur beten oder Freunde treffen. Und für die Jüngeren, die kaum mehr Bindung an die Türkei haben, ist das ständige Besprechen türkischer Probleme schon etwas uninteressant.

  1. Gibt es klar definierbare Überschneidungen von Diyanet und Rechtsextremismus unter türkischen MigrantInnen?

Tom: Klar definierbar wäre wohl übertrieben. Ich bin mit dem Begriff Rechtsextremismus ja sehr sparsam. Was man sagen kann: Diyanet steht für Nationalismus, auch für Militarismus. Verschwörungstheorien und eine völlig überzogene Israel-Kritik, die teilweise ins Antisemitische abdriftet, gehören auch dazu. Dass solche Haltungen Rechtsextremismus begünstigen, ist natürlich klar. Die AKP ist auch in einer Koalition mit der rechtsextremen MHP, also den „Grauen Wölfen“. Andererseits lehnt man Rassismus ab und begründet dies mit dem Koran.

Marina: Der rechte Kurs ist die Linie, welche die Führung vorgibt. Die teilt aber nicht jedeR. Auch in der katholischen Kirche teilt nicht jedeR immer die Meinung des Papstes.

  1. Wie erleben die linken Migranten oder die kurdische Community den Einfluss des Diyanet?

Marina: Da gibt’s auch unterschiedliche Positionen. Kemalisten, die sich oft als links oder sozialdemokratisch begreifen, lehnen vor allem den religiös-konservativen Kurs ab. Die KurdInnen, die der Autonomiebewegung nahestehen, lehnen vor allem den Nationalismus ab und die Absegnung des Krieges der Türkei gegen die KurdInnen, der ja mittlerweile auch in Syrien stattfindet.

Konkret fürchten sie die Bespitzelung hierzulande durch die rechten Strukturen. Das ist ein großes Problem für die linken bzw. kurdischen Communities. Man traut sich oft nicht mehr, sich öffentlich zu äußern.

  1. Wie kam‘s überhaupt zur Idee zu dem Buch?

Tom: Na ja, ich hab 2018 das Buch über die „Grauen Wölfe“ publiziert. Das war vielleicht 3 Tage draußen, da ruft mein Verleger an und sagt: „Das läuft gut, lass´ uns jetzt noch gleich ein Buch über das Diyanet machen!“. Ich war da zuerst wenig begeistert. Jedenfalls wollt ich’s nicht allein machen. Da hab ich Marina gefragt, die zwar absolut keine Türkei-Expertin war, aber sich sehr schnell und professionell in Themen einarbeiten kann und im Gegensatz zu mir auch eine „gelernte“ Journalistin ist. Nun, gefühlt zwei Wochen später kannte sie sich mit der Türkei besser aus als ich…

Wetzlmaier und Rammerstorfer sind freie JournalistInnen und leben in Wels. Tom ist im Vorstand, Marina Mitglied der Welser Antifa. Im Herbst erscheint von Marina ein Buch über die Linke auf den Philippinen (bei Mandelbaum), von beiden gemeinsam ein Buch über die Aubesetzung in Lambach 1996 (in der Bibliothek der Provinz).